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Landesprogramm Besenderung

Im Zuge der Neuausrichtung des Sächsischen Wolfsmanagements ist 2019 im Auftrag des Freistaats Sachsen ein mehrjähriges Landesprogramm zur Besenderung von Wölfen aufgelegt worden. Im Rahmen dieses Programmes soll das LUPUS – Institut für Wolfmonitoring und Wolfsforschung in Deutschland über die nächsten Jahre in verschiedenen Rudeln Wölfe mit Halsbandsendern ausstatten, um bessere Daten über die Raumnutzung von Wölfen in der sächsischen Kulturlandschaft zu erhalten. Die so gewonnenen Daten sind eine wertvolle Ergänzung zum herkömmlichen Wolfsmonitoring. Besonders in einer Region wie der sächsischen Oberlausitz, in dem der Wolfsbestand in den letzten Jahren nicht nur gewachsen ist, sondern sich auch weiter verdichtet hat.

Außerdem kann der Bevölkerung mit Hilfe der besenderten Tiere anschaulich erklärt werden, wie Wölfe in der sächsischen Kulturlandschaft leben.

Nachfolgend finden Sie Informationen zu den einzelnen Tieren, welche seit 2019 in Sachsen mit einem Halsbandsender ausgestattet wurden.

MT7 (»Hans«) ist ein erwachsener Sohn des Rudels Dauban (Abbildung 1). Er hatte am 30. Dezember 2019 für Aufsehen gesorgt, als er sich in Görlitz in einen Hinterhof verirrte und durch ein Kellerfenster eines der dortigen Häuser gesprungen war. Nachdem der Wolf von einem Tierarzt betäubt und untersucht worden war, und feststand, dass er kaum verletzt war, wurde beschlossen, ihn wieder in die Freiheit zu entlassen. Vorher wurde er noch mit einem Halsbandsender ausgestattet, um seine Aktivität überwachen zu können.

Kurz nach seiner Freilassung in einem ruhigen Waldstück begab sich MT7 mitten in das Kerngebiet des Rudels Dauban und verbrachte dort die nächsten acht Tage. Erst die genetischen Untersuchungen zeigten später, dass »Hans« ein fast drei Jahre alter Sohn dieses Rudels ist (2017 geboren).

Seither hielt er sich überwiegend im Daubaner Wald auf, bis auf einige Ausflüge nach Polen oder auch nach Westen. Anfang März 2020 wurde MT7 auf einem seiner Ausflügen von einem Auto erfasst. Dies ergaben genetische Analysen. Von seinen Verletzungen hat er sich, nachdem er sich zunächst kleinräumig in einem Teichgebiet aufhielt, wieder erholt. 

Wolf MT7 Hans ist im Daubaner Wald zu sehen
Abb. 1: MT7 (»Hans«) Anfang Januar 2020 im Daubaner Wald.  © Axel Gebauer
MT7 BEwegungen
Abb. 2: Bewegungsdaten von MT7 (»Hans«) seit seiner Besenderung und schematische Darstellung der Territorien in der Lausitz. Auch auf polnischer Seite ist das Gebiet flächendeckend mit Wolfsterritorien belegt.  © LUPUS

Im April unternahm MT7 vom Territorium Dauban aus Ausflüge nach Westen und Osten, bis er von Anfang Mai an Signale aus der Königsbrücker Heide sendete. Dort verstummte der Sender nach dem 5. Mai (Abb. 3). Fünfzehn Tage später wurde der Sender dann mittels VHF-Ortung ausfindig gemacht. Offenbar hatten sich die Schrauben am Senderhalsband vorzeitig gelöst. Einige Zeit später konnte „Hans“ auf einem Foto einer automatischen Wildkamera identifiziert werden (Abb. 4). Das Bild entstand fünf Tage nachdem er sein Senderhalsband verloren hat. Ob sich der Wolf aktuell weiterhin im Gebiet der Königsbrücker Heide aufhält, ist unbekannt.

Abb. 3: Bewegungsverhalten von MT7 im April und Anfang Mai bis zum Verlust seines Halsbandes.  © LUPUS
Abb. 4 MT7 am 12. Mai, fünf Tage nachdem er sein Halsband verloren hat, in der Königsbrücker Heide.  © SBS, NSG Königsbrück

Anfang April 2020 wurde ein zweiter Wolfsrüde besendert, MT8 (»Peter«). Seine ersten Senderdaten wiesen darauf hin, dass er der Rüde des Rudels Mulkwitz ist. Die genetische Untersuchung hat dies bestätigt. Das Territorium des Rudels Mulkwitz liegt zwischen den Territorien Nochten und Neustadt. Das Rudel wurde erst im Sommer 2019 nach dem Fund eines toten Welpen bestätigt. Der Welpe wurde der neuen Verpaarung zugeordnet. Dies wiederum hatte zur Folge, dass eine junge Wolfsfähe, die im Vorjahr im Gebiet genetisch beprobt worden war, ebenfalls als Tochter der neuen Verpaarung identifiziert werden konnte. Damit wird das Territorium Mulkwitz rückwirkend für das Monitoringjahr 2018/19 als Rudel geführt und für 2017/18 als Paar.

Seit seiner Besenderung zeigt MT8 die typische Raumnutzung eines territorialen Wolfs. Er unternahm regelmäßig kürzere Exkursionen in die benachbarten Territorien der Rudel Nochten und Milkel. Der Bereich in dem er sich bisher bewegte ist sehr klein und umfasst ca. 60 km2 (MCP100) wenn alle seine Lokationen mit einbezogen werden (Abb. 5).

Abb. 5: Raumnutzung von MT8 von April – Juni 2020.  © LUPUS

Die Raumnutzung seit Mitte Mai lässt außerdem vermuten, dass das Rudel wieder Welpen aufzieht. Ob das Territorium des Rudels Mulkwitz tatsächlich so klein ist oder nur die aktuelle Raumnutzung so kleinräumig ausfällt, werden die Daten der nächsten Monate zeigen.

Abb. 6: MT8 aufgenommen auf einem seiner nächtlichen Streifzüge.  © LUPUS

FT12 (»Juli«) wurde am 28.07.2019 ebenfalls am Rande des Territoriums Neustadt gefangen und besendert. Sie ist eine jüngere Schwester von FT11 und wurde 2018 geboren. Im Herbst 2019 hatte FT12 begonnen, Exkursionen in unterschiedliche Himmelsrichtungen zu unternehmen. Zunächst erkundete sie die Gegend südlich und südöstlich des Territoriums Neustadt. Anschließend wandte sie sich nach Norden und hielt sich längere Zeit im Welzow sowie im Teichland Territorium (jeweils Brandenburg) auf, kehrte jedoch zwischendurch stets in ihr elterliches Territorium zurück. Ende Januar unternahm sie ihre erste längere Exkursion, die sie bis an die Stadtgrenze von Berlin brachte. Der A15 nach Norden folgend querte sie auf Höhe Schönefelder Kreuz erst die A10 und später die Stadtautobahn A117, um dann in einer aus Wolfssicht Sackgasse am Rande der Großstadt zu landen. Vier Tage und Nächte harrte die Wölfin in einem Waldstück am südöstlichen Rand von Berlin aus, bevor sie dieses wieder zügig nach Süden verließ. Innerhalb weniger Tage kehrte sie nach Süd-Brandenburg zurück.

Mitte Februar unternahm »Juli« noch einen letzten kurzen Abstecher in ihr Geburtsterritorium bevor sie sich erneut auf Wanderung nach Norden begab. Ihr Weg führte sie zunächst nach Polen auf Höhe von Guben (Brandenburg) und schließlich bis an die Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern (Abbildung 7). Dieses Mal machte sie auf ihrer Wanderung einen weiten Bogen um Berlin. Anfang März endete ihre Reise zunächst am Saaler Bodden zwischen Rostock und Stralsund. Anschließend lief sie wieder ein Stück zurück nach Süden. Seitdem hält sie sich in der Nähe des Truppenübungsplatzes Hintersee in Mecklenburg-Vorpommern auf.

Innerhalb von vier Wochen (vom 16. Februar bis zum 16. März) hatte die junge Wölfin, die zu Hause in den ersten Monaten ihrer Besenderung sehr kleinräumig unterwegs war, mehr als 784 km zurückgelegt und dabei mindestens fünfmal Autobahnen überquert (A15, A12, A11).

Bewegungsmuster FT 12
Abb. 7: Gebietsnutzung von FT12 (»Juli«) im ersten Quartal 2020.  © LUPUS

Seit April hält sich „Juli“ in einem Gebiet zwischen Friedland und Anklam auf (s. Abb. 8). Von dort aus unternahm sie kürzere Ausflüge in die Ueckermünder Heide bei Torgelow, kehrte jedoch wieder zurück in das Gebiet, wo sie sich seit April aufhält. Ihre Raumnutzung der letzten 2,5 Monate beträgt, abzüglich der Ausflüge, 87 km2 (MCP100).

Abb. 8: Gebietsnutzung von FT12 im 2. Quartal 2020.  © LUPUS

Die Wölfin FT11 (»Lotta«) war am 20.07.2019 am Rande des Territoriums Neustadt besendert worden. Als erwachsene Tochter des Rudels Neustadt (2017 geboren) zog sie 2019 in ihrem Elternterritorium neben ihrer Mutter selber Welpen auf und zeigte seit ihrer Besenderung die Raumnutzung eines territorialen Wolfes. Im Februar 2020 nutzte FT11 ausschließlich den nördlichen, überwiegend auf Brandenburger Seite liegenden Teil des Territoriums Neustadt. Aktuell ist unklar, ob es zu einer Verschiebung des Rudels Neustadt gekommen ist oder zu einer Aufteilung des Territoriums zwischen Mutter und Tochter. Nach dem 26. Februar 2020 verstummte »Lottas« Sender. Es war unklar, ob die Wölfin noch lebte oder gestorben war. Am 24. März 2020 wurde dann ein VHF Signal mittels Richtantenne empfangen und der Kadaver von »Lotta« gefunden. Sie war in Folge massiver Bissverletzungen, die von Revierstreitigkeiten stammen, gestorben.

In den sieben Monaten, in denen ihr Sender Daten übermittelte, nutzte die Wölfin ein Territorium von 205 km² (MCP100*) bzw. 117 km² (MCP95*). In Abbildung 9 lässt sich anschaulich nachvollziehen, wie FT11 (»Lotta«) den Raum zwischen den angrenzenden Rudelterritorien nutzte. Die Lage der Rudelterritorien ist schematisch dargestellt. Das Territorium Neustadt liegt im Grenzbereich zwischen Sachsen und Brandenburg. Im Norden grenzen zwei Brandenburger Territorien an: Welzow (WE) und Hornow (HO). Auf sächsischer Seite grenzen folgende Wolfsterritorien an das Neustädter Gebiet an: Knappenrode/Seenland (KN_SL), Knappenrode II (KN II), Milkel (MI) und Mulkwitz (MUL).

FT 11 Bewegung
Abb. 9: Gebietsnutzung von FT11 (»Lotta«) für den Zeitraum in dem ihr Sender Daten lieferte sowie ungefähre Lage der angrenzenden Territorien.  © LUPUS

Das Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) berichtet regelmäßig in Medieninformationen über die Aktivitäten der aktuell besenderten Wölfen. Hier finden Sie bereits veröffentlichte Medieninformationen:

 

Begriffserklärung:

MCP100 = die durch die Verbindung der äußeren Lokationen entstandene Fläche (Minimum Convex Polygon-Methode)

MCP95 = im Unterschied zum MCP100 werden zuvor die 5 % der Lokationen entfernt, die am stärksten von den anderen abweichen.

FT / MT = jeder Wolf der mit einem Halsbandsender ausgestattet wurde bekommt eine fortlaufende Nummer, die bei den Weibchen mit FT (f = female = weiblich, t = telemetry = Telemetrie) und bei den Männchen mit MT (m = male = männlich, t = telemetry = Telemetrie) beginnt.

Weitere Informationen zu Methodik und Hintergrund der Telemetrie finden Sie hier:

Monitoring und Forschung – Telemetrie / Besenderung

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